Ist die Pille böse?

Klar, die Überschrift „Ist die Pille böse?“ ist provokant formuliert. Ich beobachte jedoch seit einigen Jahren, dass viele Frauen die Pille zunehmend kritisch sehen. Und auch in vielen Online-Artikeln werden die Risiken und Nebenwirkungen der Pille in den Mittelpunkt gestellt.

In meiner täglichen Arbeit sagen mir Frauen oft: „Ich will ganz natürlich verhüten“ oder: „Ich will auf jeden Fall ohne Hormone verhüten, die haben ja so viele Nebenwirkungen“.

Das gesamte Thema Verhütung ist komplex, und ich möchte hier ein paar Aspekte aufzeigen, die meiner Meinung nach jede Frau für sich bedenken sollte, wenn sie über ihre Verhütung nachdenkt.

Was sind Nebenwirkungen?

Unter Nebenwirkungen (oder auch „unerwünschte Arzneiwirkungen“) versteht man Wirkungen des Medikamentes, die nicht beabsichtigt waren und zusätzlich zur Hauptwirkung auftreten. Im Beipackzettel der Pille finden sich zahlreiche Nebenwirkungen. Einige dieser Nebenwirkungen waren bereits bei der Zulassung bekannt, jedoch relativ viele kommen im Laufe der Jahre dazu, da es für zugelassene Medikamente ein Meldeverfahren für Nebenwirkungen gibt. Ältere Medikamente haben daher mehr bekannte Nebenwirkungen als neue Präparate, mit denen noch nicht so viele Erfahrungen vorliegen. Der Beipackzettel enthält eine Aufzählung unerwünschter Wirkungen, die aufgetreten sind, während eine Frau die Pille eingenommen hat – die Kausalität ist dabei überwiegend nicht geklärt. So gibt es als Nebenwirkung sowohl die Gewichtszunahme (Macht die Pille dick?), als auch die Gewichtsabnahme.

Ein wichtiger Aspekt bei den Nebenwirkungen ist, dass man sich über die Bedeutung des angegebenen Risikos klar wird. Es ist immer besser, Risiken als sogenanntes absolutes Risiko zu formulieren, damit für die einzelne Frau ihr individuelles Risiko deutlich wird. So liegt zum Beispiel das Risiko für eine Thrombose bei einer Frau, die eine Mikropille mit dem Wirkstoff Levonorgestrel nimmt, bei 5-7 auf 10.000. Im Vergleich dazu haben Frauen, die keine Pille nehmen und nicht schwanger sind, ein Thromboserisiko von 2 auf 10.000. (siehe auch Pille und Thromboserisiko).

Wie sicher sollte die Verhütung sein?

Wie schlimm wäre es, ungeplant schwanger zu werden? Ein Maß für die Sicherheit und Zuverlässigkeit einer Verhütungsmethode ist der Pearl-Index (nach dem Biologen Raymond Pearl). Der Pearl-Index gibt an, wie viele von 100 Frauen unter Verwendung einer Verhütungsmethode im Laufe eines Jahres schwanger werden. Die Zahlen sind zum Teil heiß diskutiert und man sollte immer beachten, ob es sich um die Angabe mit Anwendungsfehlern oder um die „perfekte Anwendung“ handelt. Hier die Zahlen von pro familia: www.profamilia.de/erwachsene/ver…

In der konkreten Beratungssituation bitte ich manchmal die Patientin, sich einfach mal vorstellen, wie es wäre, wenn ich nun in der Untersuchung mitteile: „Sie sind schwanger.“ Was löst das aus? Das pure Grauen, die reine Freude, oder irgendetwas dazwischen? Darüber sollte jede Frau sich ab und an Gedanken machen…

Was ist natürlich?

Heute gehört es zu den Idealen, dass alles ganz natürlich, gesund, ganzheitlich, rein, biologisch, authentisch, ehrlich und so weiter sein soll. Das sind alles Schlagworte, die selten mit wirklicher Bedeutung gefüllt werden. Was bedeutet „natürlich“ im Zusammenhang mit der Verhütung? Eigentlich ist es das Natürliche für eine erwachsene Frau, entweder schwanger zu sein oder gerade zu stillen… Das mit der Natur und der Verhütung sind also zwei Dinge, die sich schlecht miteinander vereinbaren lassen. Bei den Methoden der natürlichen Familienplanung wird durch die Beobachtung des Körpers (Temperatur und Zervixschleim) ermittelt, wann die fruchtbare Zeit ist. Das ist dann der „natürliche Weg“ der Verhütung. Sind dann alle anderen Methoden unnatürlich? Mit diesem Gedanken mag ich mich nicht so recht anfreunden…

Welche wirtschaftlichen Interessen stehen dahinter?

Damit meine ich sowohl die Interessen der Pharmaindustrie, als auch die von Herstellern von Wearables, Apps, E-Books & Co. zum Thema Verhütung. Zusätzlich zum ohnehin schon komplexen Thema Verhütung gibt es noch zahlreiche weitere Interessenträger. Letztlich wollen alle Geld mit dem Thema verdienen: Die Pillenhersteller mit einem möglichst hohen Umsatz von möglichst teuren Medikamenten, die Wearables-Hersteller mit dem Verkauf von tollen Gadgets. Auch die innovativen Apps und das passende E-Book oder das (Online-)Coaching sollen sich gut verkaufen. Wenn Werbung für diese Produkte gemacht wird, sollte jede Frau schauen, aus welcher Quelle die Informationen kommen und welches Interesse dahinter steht. Bei Wearables und Apps sollte außerdem stets der Datenschutz bedacht werden: Was wird alles erfasst? Und wo landen dann diese Daten?

Auch uns Frauenärzten wird manchmal unterstellt, wir wären ja nur Erfüllungsgehilfen der Pharmaindustrie. Das ist in meinen Augen Quatsch… (Übrigens: Unter wirtschaftlichen Aspekten bringt die Betreuung einer Schwangerschaft deutlich mehr ein, als eine Beratung zur Verhütung.) Mir ist schon klar, dass es sehr unterschiedliche Typen von Ärzten gibt und die Qualität der ärztlichen Beratung sehr verschieden ist. Jedoch bietet das deutsche Gesundheitssystem die Möglichkeit, sich bei der Frauenärztin oder dem Frauenarzt „um die Ecke“ eine sachkundige Beratung zu holen. Dieses Angebot sollten Mädchen und Frauen in jedem Fall wahrnehmen.

Übersicht über die verschiedenen Verhütungsmethoden: Hormonelle und nicht-hormonelle Verhütungsmethoden

 

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Veröffentlicht von

Dr. Christine Adler ist niedergelassene Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Naturheilverfahren, in Hamburg Rahlstedt. Hier schreibt sie über Themen und Fragen, die ihr in der Sprechstunde immer wieder begegnen.