Wie ist es mit der Fruchtbarkeit? AMH & Co…

Heute werden Frauen immer später Mutter. Die individuelle Lebensplanung sieht eine Schwangerschaft meist erst nach Abschluss einer Ausbildung und beruflichen Erfolgen vor. Außerdem gibt es zahllose weitere Einflussfaktoren, die dazu führen, dass sich Frauen eher spät für ein Kind entscheiden.

Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass ab 35 die Chancen, schwanger zu werden, deutlich schlechter werden. So ist es nicht selten, dass Frauen in die Sprechstunde kommen und nach ihrer Fruchtbarkeit fragen.
Zur Beurteilung der Fruchtbarkeit (Fertilität) gibt es verschiedene Untersuchungsmöglichkeiten:

  • Anti-Müller-Hormon (AMH): Das Anti-Müller-Hormon ist ein Glykoprotein, das in den Eierstöcken von Zellen der kleinen Follikel (Eibläschen) produziert wird. Die Höhe des AMH lässt also einen Rückschluss auf die Anzahl der verbleibenden Eibläschen zu. Man spricht hier auch von der Eizellreserve bzw. dem Eizellpool. In jungen Jahren schwankt der Wert oft deutlich, mit circa 25 Jahren erreicht er dann meist ein Plateau, um danach allmählich zu sinken, bis er zu Beginn der Menopause (= Zeitpunkt der letzten Regelblutung) kaum noch messbar ist.
    Die Labore haben unterschiedliche Referenzwerte, ab denen dann von einer reduzierten Eizellreserve gesprochen wird. Es wird kontrovers diskutiert, wie gut tatsächlich die Aussagekraft des AMH-Wertes bezüglich der Möglichkeit, schwanger zu werden, ist. Abgesehen davon, dass der Wert schwankt, gibt es auch viele weitere Einflussfaktoren. So wird durch die Einnahme der Pille der AMH-Wert reduziert (und steigt nach Absetzen der Pille wieder an). Auch Rauchen, Übergewicht und ein PCO-Syndrom beeinflussen den AMH-Wert. Ebenso fällt in einer Schwangerschaft der AMH-Wert ab und steigt danach wieder an. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass bei grundsätzlich fruchtbaren Frauen der AMH-Wert keinerlei Aussage über die tatsächliche Fertilität macht (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2828…).
    Insgesamt kann man also sagen, dass der AMH-Wert eine Orientierung bieten kann, jedoch zusätzlich viele andere Faktoren berücksichtigt werden müssen.

    Inzwischen gibt es auch im Internet vermarktete Tests, die über die Bestimmung des AMH-Wertes eine Aussage über die Fruchtbarkeit treffen: www.ivary.io/de (Zitat Website: „ivary gibt dir den Einblick in das fruchtbare Zeitfenster deines Körpers“). Bei einigen Frauenärzten wird auch ein sogenannter „Ferti Check“ angeboten – meist eine Selbstzahlerleistung, über die man kritisch diskutieren kann.
     
  • Alter: Das Alter der Frau ist ein sehr wichtiger – vielleicht der wichtigste – Aspekt bei der Beurteilung der Fruchtbarkeit. Jede Frau wird mit einer begrenzten Zahl an Eizellen geboren. Im Laufe des Lebens reduziert sich die Zahl deutlich, außerdem verschlechtert sich die Qualität der einzelnen Eizelle: „ältere Eizellen“ weisen wesentlich mehr genetische Fehler auf. Die Reduktion der Fruchtbarkeit setzt mit Anfang 30 ein, mit 35 Jahren verschlechtern sich die Chancen deutlich. In Studien finden sich Daten, dass Frauen mit 41 Jahren durchschnittlich das Ende ihrer natürlichen Fruchtbarkeit erreichen (www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/1958…).
    Den meisten Frauen wird dies gar nicht so bewusst sein, und natürlich gibt es hier eine große Spannweite, wann im individuellen Fall tatsächlich die Grenze der Fruchtbarkeit erreicht ist. In den Medien wird oft von Schwangerschaften älterer Frauen berichtet – allerdings wird in der Öffentlichkeit nicht kommuniziert, wie viel reproduktionsmedizinisches Können hier möglicherweise im Spiel war.
     
  • Follikelstimulierendes Hormon (FSH): Das FSH wird im Gehirn ausgeschüttet und bewirkt bei der Frau die Reifung von Eibläschen in den Eierstöcken. Bei zunehmenden Alter erhöhen sich die FSH-Werte, da die Eierstöcke einen stärkeren Reiz für die Eizell-Reifung benötigen. Der FSH-Wert verändert sich im Laufe des weiblichen Zyklus, sodass die Bestimmung stets zu Beginn des Zyklus, zwischen dem 2. und 5. Zyklustag, erfolgen sollte. In den einzelnen Zyklen kann der Wert deutlich schwanken, sodass mehrere Messungen in verschiedenen Zyklen gemacht werden sollten, um eine sichere Aussage zu erhalten.
     
  • Antraler Follicle Count (AFC): Beim AFC wird per Ultraschall die Anzahl der Follikel in den Eierstöcken bestimmt. Auch diese Untersuchung sollte zu Beginn des Zyklus durchgeführt werden. Allerdings ist sie sehr vom Untersuchenden und vom verwendeten Ultraschallgerät abhängig, sodass der AFC eine eher schlecht objektivierbare Untersuchungsmethode darstellt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die individuelle Fruchtbarkeit von vielen verschiedenen Aspekten beeinflusst wird, sodass eine einzelne, isolierte (Labor-)Untersuchung nie eine korrekte Aussage über den Einzelfall machen kann.

Den Frauen von heute wünsche ich, dass sie sich mit der Thematik frühzeitig auseinander setzen und für sich selbst und ihr Leben kluge Entscheidungen treffen.

 

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Veröffentlicht von

Dr. Christine Adler ist niedergelassene Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Naturheilverfahren, in Hamburg Rahlstedt. Hier schreibt sie über Themen und Fragen, die ihr in der Sprechstunde immer wieder begegnen.